Atemlos in hektischen Zeiten

Ballettdirektorin am Mainfranken Theater Dominique Dumais über das Zusammenspiel von Bewegung und Atem

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So selbstverständlich ist es, zu atmen, dass sich die wenigsten Menschen Gedanken darüber machen, in welche Bereiche das Phänomen „Atem“ alles hineinwirken kann. Dominique Dumais, Ballettdirektorin am Mainfranken Theater, stellte hierzu in letzter Zeit viele Überlegungen an. „Wir hatten die Thematik des Atems bereits bei ‘Eros’”, erzählt sie. In der neuen Produktion „Vox et spiritus”, die am 25. April uraufgeführt wird, wird sie sich noch tiefer mit dem Phänomen „Atem“ befassen. Welche große seelische Bedeutung dem Atem zukommt, weiß man nicht zuletzt in der Psychotherapie und der Psychosomatik: Bei großem Stress oder sehr großer Aufregung kann es zu „Psychogener Atemnot” kommen. „Die Atmung hat einen großen Einfluss auf menschliche Emotionen, von Trauer, Wut und Angst bis hin zu Erleichterung und Freude”, bestätigt Dumais. Aber auch die künstlerische Inspiration basiere letztlich auf dem Atem: „Das lateinische ‚inspirare’ kann sowohl mit ‚einatmen’ als auch ‚göttlich inspiriert’ im Sinne einer ‚eingehauchten’ Idee verstanden werden.” „Vox et spiritus” wird dem Publikum vor allem tänzerische Impressionen zur Wechselwirkung von Bewegung und Atem präsentieren. Dabei kooperiert die Tanzkompanie mit dem Opernchor des Mainfranken Theaters. Wie leitet Atem Bewegungen und wie beeinflusst eine Bewegung den Atem? Solche Fragen beschäftigen die Ballettdirektorin in ihrer neuen Choreografie. Rücke man den Atem ins Zentrum, nehmen viele Bewegungen ihren Ursprung von der Körpermitte, von Brust und Zwerchfell aus, verdeutlicht sie. In Gruppennummern werde der Atem zum verbindenden Element: „Verfällt die Gruppe in einen Atem, verschmilzt sie zu einem Körper.” Mit Blick auf die Hektik und die negative Grundstimmung aktuell in der Gesellschaft komme dem Thema „Atem” in den Augen der Choreografin aber auch eine übergreifende, hochaktuelle Bedeutung zu. „Unser heutiger Alltag ist schnelllebig, alles ist beschleunigt, gehetzt, beruflich wie privat, aufgrund der heutigen Technik ist man zu jeder Tages- und Nachtzeit mit einem Fingertipp mit der ganzen Welt verbunden”, sagt sie. In der Sprache komme zum Ausdruck, wie viel dies mit dem Atem zu tun hat: „Man ist ‚atemlos’ aufgrund der hektischen Zeiten, man ‚hält den Atem an’ aufgrund aller Unsicherheiten, es ‚verschlägt einem den Atem’ mit jeder neuen, unheilvollen Nachricht.” Vor allem die Komposition von „Atem” und „Stimme” macht „Vox et spiritus” für Dominique Dumais gesellschaftlich so relevant. Die eigene Stimme, lateinisch „vox”, sei ein wichtiger Teil der Persönlichkeit. „Für eine demokratische Welt ist es ausschlaggebend, dass eines jeden Stimme gehört wird, und dass eine gemeinsame, verbindende Stimme eines Kollektivs erklingen kann”, betont sie. In der Tanzproduktion werde das erlebbar: „Das gemeinsame Atmen schafft Zusammenhalt, schafft das Gefühl eines einheitlichen Körpers des Chores ebenso wie des Tanzensembles.”

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