
©Lebenslinie/Nicole Oppelt
Es klingt fast wie ein Wunder – ein Medikament, entwickelt für eine Krankheit, hilft plötzlich gegen eine ganz andere. Was sich für Viele nach Zufall anhört, ist in der Medizin Alltag – und oft ein echter Glücksgriff. Davon überzeugt ist auch Michael Dickmeis, Inhaber der Sonnen-Apotheken in Würzburg und Kürnach, dem bei diesem Thema sofort „Corona“ in den Sinn kommt. „Das war der Kampf gegen das Unbekannte“, erinnert er sich. Die Suche nach einem wirksamen Mittel gegen das Virus war hektisch. Alles, was irgendwie Hoffnung versprach, wurde getestet. „So kam Remdesivir groß raus.“ Ein Medikament, das eigentlich für Ebola entwickelt wurde. „Für Corona erwies es sich später dann doch als weniger wirksam als gehofft“, stellt er klar. Doch der Ansatz bleibt spannend: Die sogenannte Zweitverwertung eingeführter Medikamente könne Leben retten, so Dickmeis. Eine echte Erfolgsstory sei da Sildenafil. Entwickelt einst gegen Lungenhochdruck, weltweit bekannt unter dem Namen Viagra. „Durch einen Zufallsbefund“, wie der Apotheker erklärt, stellte sich heraus, dass es auch an anderer Stelle die Durchblutung verbessern kann. Auch Minoxidil zeige Michael Dickmeis zufolge, wie vielseitig Arzneien sein können. Eigentlich zur Blutdrucksenkung gedacht, landete es schließlich auf Millionen von Häuptern – als Mittel gegen Haarausfall. Weil „heilende Nebenwirkungen“ gar nicht so selten seien, suchen Hersteller oft gezielt nach neuen Einsatzmöglichkeiten, weiß Dickmeis.
„Etwa, wenn ein Medikament bewährt ist, aber das Patent bald ausläuft. Auch Grundlagenforschung wird betrieben oder in neuester Zeit auch die KI bemüht.“ Der Vorteil einer Zweitverwertung: Der Wirkstoff sei bekannt und getestet. Eine Risikoabschätzung liege vor. Die Gefahr von Überraschungen gering. Dennoch Cave! „Arzneimittel-Karrieren“ schrieben leider auch schon tragische Geschichten … Thalidomid – bekannt als das Skandal-Medikament Contergan. Dieses führte einst zu schweren Fehlbildungen bei Babys. „Heute wird es streng kontrolliert, hilft aber gut bei speziellen Krebserkrankungen und Lepra“, so Dickmeis. Für ihn ist Thalidomid ein Mahnmal, wie wichtig Arzneimittelsicherheit sei – und ein Beweis, dass auch aus Fehlern neue Hoffnung, aber vor allem ein ganz neues Regelwerk wachsen könne. Neben all diesen Beispielen gibt es auch jene Fälle, in denen Ärztinnen und Ärzte sogenannte Off-Label-Therapien anwenden. Das heißt, ein Medikament wird für etwas eingesetzt, wofür es offiziell nicht zugelassen ist. Das passiert aber nur, wenn der Nutzen den möglichen Schaden deutlich überwiegt – zum Beispiel bei Mitteln wie Metformin. Eigentlich ein Medikament zur Behandlung von Diabetes, habe es sich auch in der Kinderwunschbehandlung bei Frauen mit polyzystischem Ovarsyndrom (PCOS) und Insulinresistenz bewährt, um den Eisprung zu unterstützen und die Chancen auf eine Schwangerschaft zu erhöhen. Oder frei nach Shakespeare: Es gibt mehr als sich unsere Schulweisheit träumen lässt. Und manchmal liegt das nächste kleine Wunder in Form einer altbekannten Pille schon längst im Apothekenschrank – man hat es nur noch nicht entdeckt!
