Wirkungen des Weins

Im Gespräch mit dem Weinfachmann Bernd van Elten, dem Neurologen Prof. Dr. Klaus V. Toyka und dem Geriater Dr. Michael Schwab

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„Für Sorgen sorgt das liebe Leben. Und Sorgenbrecher sind die Reben“, diese Meinung Johann Wolfgang von Goethes teilen auch Prof. Klaus V. Toyka, ehemaliger Direktor der Neurologie der Uniklinik Würzburg, und Weinexperte Bernd van Elten. Foto: Susanna Khoury

„Für Sorgen sorgt das liebe Leben. Und Sorgenbrecher sind die Reben“, diese Meinung Johann Wolfgang von Goethes teilen auch Prof. Klaus V. Toyka, ehemaliger Direktor der Neurologie der Uniklinik Würzburg, und Weinexperte Bernd van Elten. Foto: Susanna Khoury

„Wein kann mit Recht als das gesündeste und hygienischste Getränk bezeichnet werden“, behauptete der französische Chemiker und Mikrobiologe Louis Pasteur (1822-1895), der durch kurzzeitiges Erhitzen von flüssigen Lebensmitteln (Pasteurisierung) und das Entdecken von Impfstoffen gegen Geflügelcholera, Milzbrand und Tollwut Weltruhm erlangte.

Hat Pasteur Recht? Ist Wein gesund? Dieser Frage ist die Lebenslinie-Redaktion nachgegangen und hat sich drei kompetente Gesprächspartner aus den Sparten Wein und Medizin ausgeguckt.

Weinfachmann Bernd van Elten vom Staatlichen Hofkeller in Würzburg ist sich sicher, dass mäßiger Weinkonsum nicht ungesund ist.

„Es gibt für mich nichts Schöneres als gepflegt mit Freunden ein Glas Wein zu trinken“, so Bernd van Elten.

Was er bei seinen vielen Weinproben, die er schon abgehalten hat, feststellen konnte: „Wein löst die Zunge… und wirkt stärkend auf den Geisteszustand, den er vorfindet: Er macht die Klugen klüger und die Dummen dümmer!“ (frei nach Jean Paul). In vino veritas also?

Bedingt, meint Prof. Klaus V. Toyka, ehemaliger Direktor der Neurologie der Uniklinik Würzburg, augenzwinkernd: „Wein hebt die Lust, doch hemmt die Tat“. Bei übermäßigem Alkoholkonsum steige oft die Begierde, aber mit der tatsächlichen Umsetzung der Wünsche hapere es, so Toyka.

Apropos Wünsche, von der bisher launigen Herangehensweise ans Weintrinken nun zu einer etwas ernsteren Betrachtungsweise. „Meist ist der Wunsch, Vater des Gedankens, wenn es darum geht, den wissenschaftlichen Beweis zu führen, dass Wein gesund ist“, sagt Prof. Dr. Toyka. Klinische Studien am Menschen, die das verifizieren, gebe es nämlich nicht!

Laut der Erkenntnisse, die tschechische Wissenschaftler 2014 auf dem europäischen Kardiologenkongress in Barcelona vorstellten, habe Wein keinen positiven Einfluss auf den Cholesterinspiegel. Dieser wiederum (hohes HDL) sei einer der wichtigsten Indikatoren für den Schutz von Gefäßen und damit vor Arteriosklerose, so Prof. Dr. Miloš Táborský von der Uni Olmütz in Tschechien.

Über ein Jahr lang tranken 146 Probanden mit leichtem bis mittlerem Arteriosklerose-Risiko regelmäßig unter Beobachtung Rot- und Weißwein (Frauen täglich 0,2 Liter und Männer täglich 0,3 Liter) an fünf Tagen die Woche.

Foto: ©depositphotos.com/@artjazz

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Forscher der Universitäten Wisconsin-Madison und Florida Gainsville hingegen berichteten im letzten Jahr über eine positive Wirkungen von Resveratrol (Polyphenol mit antioxidativen Eigenschaften, das im Rotwein zu finden ist): Es halte das Herz „jung“, erhöhe den Spiegel des „guten“ Cholesterins (HDL), hemme die Virenvermehrung und bremse sogar die Entwicklung von Krebs, so die amerikanischen Forscher.

Wohlgemerkt im Mäuseversuch! „Aber was der Maus gut tut, muss für Menschen noch lange nicht gelten“, warnt Prof. Toyka. Zudem würden auch nicht alle Rotweine gleich wirken. In dunklen Rotweinen der Sorte „Tannat“ seien beispielsweise die meisten „gesundheitsfördernden“ Substanzen zu finden gewesen.

„Aber es fehlen einfach klinische Studien am Menschen, die das untermauern“. Allerdings räume er ein, dass Alkohol bei einem plötzlichen psychischen Erregungszustand nach einem schicksalhaften Ereignis, kurzzeitig angstlösend und beruhigend wirke.

Bei dauernder Hypertonie (Bluthochdruck) gelte das schon wieder nicht mehr. Da sei Alkohol eher kontraproduktiv. Auch die viel beschworenen gesunden Inhaltsstoffe (Vitamin C, B6, Phenole etc.) hängt Klaus Toyka nicht so hoch: „Im Vergleich zu Obst und Gemüse kann Wein da nicht wirklich punkten!“

Was der ehemalige Direktor der Neurologie der Uniklinik Würzburg Prof. Dr. Toyka aber unterschreiben kann, sind die psychotropen Wirkungen des Weins. Das sei Erfahrungswissen, da brauche man keine klinischen Studien.

In weinseliger Runde steige die Gesprächsbereitschaft, die Hemmschwelle sinke und Angst nehme ab. Manche seien auch plötzlich ausgesprochen kreativ. Es spreche daher seiner Meinung nach auch nichts gegen einen mäßigen Weingenuss (Frauen 0,2 Liter, Männer 0,3 Liter pro Tag), wenn man das Gefühl habe, er tue einem gut.

Ausgenommen seien selbstredend Suchtkranke, Epileptiker, Leberkranke oder Menschen mit einigen seltenen Erkrankungen oder – leider häufig – solche, die Medikamente einnehmen müssen, die sich mit Alkohol nicht vertragen. Bei halbwegs gesunden Menschen brauche man bei mäßigem Genuss von Wein keine Angst haben, dass das Zellgift „Alkohol“ seine ungute Wirkung entfalte.

Dieser Meinung ist auch Dr. Michael Schwab, Chefarzt des Geriatrie-Zentrums des Bürgerspitals in Würzburg: Es mache immer die Dosis das Gift, so der Geriater Dr. Schwab, der regelmäßig Vorträge zum Thema „Gesundheit und Wein“ (Gesundheits-Akademie 50plus) hält.

„Wein ist ein Naturprodukt mit Vitaminen, sekundären Pflanzenstoffen und Antioxidantien das durchaus gesundheitsstiftende Effekte hat“. Es steigere aber nicht nur die Lebenslust. Er sei sicher, dass moderater Weingenuss das Leben verlängere und auch bei immunologischen oder rheumatischen Krankheiten positive Wirkungen entfalten könne.

„Das ist jetzt kein Freifahrtschein für den Vollrausch“, betont Schwab, sondern für den bedachten Genuss von Wein auch im Alter!

Das Interview mit dem Weinfachmann Bernd van Elten, dem Neurologen Prof. Dr. Klaus V. Toyka und dem Geriater Dr. Michael Schwab führte Lebenslinie-Chefredakteurin Susanna Khoury.

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