Eine Kultur des Hinschauens pflegen

Im Gespräch mit Landtagspräsidentin Barbara Stamm über das Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Fürsorge im Gesundheitswesen

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„Die Pfl ege ist ein ganz wichtiger Bestandteil für die Wiederherstellung der Gesundheit des Menschen. Hier hat die neue Krankenhausreform ein Stück weit Verbesserung gebracht, aber eben nur ein Stück weit...“, betont die Bayerische Landtagspräsidentin Barbara Stamm. Foto: Susanna Khoury

„Die Pfl ege ist ein ganz wichtiger Bestandteil für die Wiederherstellung der Gesundheit des Menschen. Hier hat die neue Krankenhausreform ein Stück weit Verbesserung gebracht, aber eben nur ein Stück weit…“, betont die Bayerische Landtagspräsidentin Barbara Stamm. Foto: Susanna Khoury

„Es gibt im Leben härtere Gegner als politische Widersacher“ erzählt die Bayerische Landtagspräsidentin, Barbara Stamm (71), in einem persönlichen Gespräch mit der Redaktion: „Krebs“ zum Beispiel. Sie war vor acht Jahren mitten im Wahlkampf als sie die Diagnose „Bösartig! Aggressives Karzinom“ ereilte.

Sie hat ihren schlimmsten Gegner besiegt! Dennoch erinnert sie sich noch, dass ihr damals als Brustkrebs-Patientin ein Mehr an Zeit für persönliche Fragen, die sie beispielsweise während der Chemotherapie beschäftigten, gut getan hätte: „Die Forschung hat immense Fortschritte gemacht.

Krankheiten wie Krebs oder Schlaganfall sind heute vielfach „heilbar“, dennoch brauchen Betroffene darüber hinaus „sprechende Medizin“, die tröstet und auffängt“, so die ehemalige Gesundheits- und Sozialministerin (1994-2001). Es sei menschlich ein „Riesendefizit“, dass Zeit für „sprechende Medizin“ bei der Honorierung im Gesundheitssystem so gut wie keine Rolle spiele.

Dadurch werde der Mensch zu wenig in seiner Ganzheit erfasst – mit Körper und Psyche: „Vielleicht erlebe ich es ja noch, dass sich da etwas ändert… ich würde es mir wünschen!“ Generell verteufle sie das DRG-System nicht, da es auch in der Gesundheitspolitik nicht ohne ökonomische Grundsätze gehe.

Jedoch dürfe es nie ein Entweder-oder, sondern müsse immer ein Sowohl-als-auch sein: DRGs könne man nicht allen überstülpen: „Bei älteren Patienten mit Mehrfacherkrankungen oder auch in der Pädiatrie, da passe das System einfach nicht“.

Modifikation sei angesagt, insofern, dass der Mensch in seiner individuellen Lebenssituation abgeholt werde und zielgerichtet behandelt werden kann: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt! Ich lade uns alle ein, diesem Gedanken der Verfassung (Artikel 1 des Grundgesetzes) wieder stärker Rechnung zu tragen – auch im Gesundheitssystem“, so die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes.

Generell müsse der Fokus nicht auf der Frage liegen: Was ist medizinisch machbar? Sondern: Was ist ethisch vertretbar? „Alles, was ethisch vertretbar ist, auch die Entscheidung des behandelnden Arztes, muss von der Solidargemeinschaft ermöglicht werden…“.

Bei einer Gesellschaft, in der das christliche Menschenbild im Vordergrund stehe, gehöre das dazu, betont CSU-Politikerin und Mutter von drei Kindern. Die gelernte Erzieherin plädiert fürs genaue Hinschauen, nicht fürs Wegschauen – was viele im unserem „Schneller, Höher, Weiter“ jedoch perfektioniert haben.

„Ich habe einen Riesenrespekt vor allen Menschen, die ihre Arbeit und ihr Leben in den Dienst des Anderen stellen“. Ob es um Pflege auf der Palliativstation oder im Altenheim geht, um Notfallmedizin im 24-Stundentakt oder therapeutische Betreuung auf der Krebsstation.

Auch das Ehrenamt gehöre in die Aufzählung hinein. Die Wertschätzung dieser Menschen müsse einen höheren Stellenwert bekommen: „Wir müssen wieder eine Kultur des Hinschauens statt des Wegschauens pflegen!“

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