Egalität gibt es nicht?!

Moraltheologe Prof. Dr. Michael Rosenberger über Rationalisierung im Gesundheitswesen

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„Rationalisierung kann nie fair sein, weil nicht alle alles bekommen können!“, sagt Prof. Dr. Rosenberger. Aber vielleicht müsse man sich auch generell von einer „Gesundheitsreligion“ verabschieden, wie schon in der Vergangenheit von den „Göttern in Weiß“, weil die Erde nun mal kein Schlaraffenland ist und schon gar nicht das Paradies!“ Foto: Susanna Khoury

„Rationalisierung kann nie fair sein, weil nicht alle alles bekommen können!“, sagt Prof. Dr. Rosenberger. Aber vielleicht müsse man sich auch generell von einer „Gesundheitsreligion“ verabschieden, wie schon in der Vergangenheit von den „Göttern in Weiß“, weil die Erde nun mal kein Schlaraffenland ist und schon gar nicht das Paradies!“ Foto: Susanna Khoury

„Wo marktwirtschaftliche Faktoren teilweise bestimmend sind, wird es immer ein mehrstufiges System geben: Wer mehr bezahlt, bekommt bessere Leistungen“, sagt Prof. Dr. Michael Rosenberger, Moraltheologe an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz (KTU Linz) in seinem Vortrag in der Missionsärztlichen Klinik (Missio) in Würzburg „Kann Rationalisierung fair sein? Ethische Überlegungen zu Gerechtigkeit im Gesundheitssystem“.

Das sei nicht nur im Gesundheitswesen so („Zwei-Klassen-Medizin), sondern auch in den meisten anderen Sozialsystemen (Renten, Arbeitslosengeld, Familienleistungen etc.). Egalitär gehe es im Gesundheitswesen nur noch in der Notfallversorgung und bei der Organverteilung zu.

Warum echauffieren wir uns also so darüber? Weil wir es anders „gelernt“ haben! Im Eid des Hippokrates, auf den – wenn auch in abgeänderter Form – auch heute noch angehende Mediziner schwören, heißt es, dass alle Patienten gleich zu behandeln seien und niemanden etwas Notwendiges vorenthalten werden dürfe. Die Realität sieht oftmals anders aus…

„Eine Form der Leistungsbegrenzung, die unsäglich ist, noch dazu weil sie über die Bande gespielt wird, sind die langen Wartezeiten auf einen Facharzttermin“, so das Mitglied der Internationalen Vereinigung für Moraltheologie und Sozialethik Rosenberger.

„Über die Bande gespielt meint, es ist eine unehrliche Maßnahme, um knappe Ressourcen einzusparen“. Auch die kürzlich eingeführte zentrale Vermittlungsstelle, die nach vier Wochen Wartezeit zu einem Facharzttermin verhelfen soll, schaffe keine Abhilfe, weil sie nicht wirklich in Anspruch genommen werde, da man den Arzt seines Vertrauens hier nicht wählen kann.

Die Konsequenzen dieser praktizierten Zwei-Klassen-Medizin seien überfüllte Notfallambulanzen, die für wirkliche Notfälle keine Kapazitäten mehr haben und aufgeschobene OPs, die Patienten Schaden zufügen. „Das Gesundheitswesen ist keine Kuh, die im Himmel frisst und auf der Erde gemolken werden kann“, sagt Landtagspräsidentin Barbara Stamm.

Und auch Dr. Jens Kern vom klinischen Ethikkomitee der Missionsärztlichen Klinik und Mitorganisator des Vortrags betont: „Irgendwann muss man Leistungen beschneiden, bevor das ganze System kollabiert – aber sinnvoll!“

Zudem sei er der Meinung, dass die Vorschläge hierfür aus den eigenen Reihen kommen sollten, bevor sie – wenn der Kollaps endgültig drohe – von außen übergestülpt würden. Weder Politik noch Gesellschaft seien momentan dazu bereit, diese Diskussion öffentlich zu führen, während hinter den Kulissen schon Rationalisierung immer knapper werdender Gesundheitsleistungen geschehe, so der in Würzburg geborene römisch-katholische Priester Michael Rosenberger.

„Derzeit haben wir eine Regulierung des Systems an den falschen Stellen mit den falschen Mitteln“, konstatiert der Oberarzt der Inneren Medizin im Missio Dr. Jens Kern.

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