Bewegungstier Mensch

Dr. Michael Schwabs Plädoyer für Yoga, Tai-Chi, Qigong, Feldenkrais oder Tanzen im Alter

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Dr. Michael Schwab. Foto: Susanna Khoury

„Jeder Mensch hat 656 Muskeln und 360 Gelenke. Diese sollten pro Tag 20 Minuten bewegt werden, damit sie beweglich bleiben“, so der Geriater Dr. Michael Schwab. Der Chefarzt des Würzburger Geriatriezentrums im Bürgerspital, selbst Yogi, plädiert für angepasstes stetiges Training im Alter – etwa aus Yoga, Tai-Chi, Qigong, Feldenkrais oder Tanzen.

„Alles was man an körperlichem und geistigem Training regelmäßig tut, ist gut für die Gesunderhaltung!“, sagt Dr. Schwab. Die chinesische Kampfkunst, das Tai-Chi (Schattenboxen) sei beispielsweise gut als Sturzprophylaxe, während der Geriater Tanzen eher zur Vorbeugung von Demenz sieht. Bei Yoga legt er den Schwerpunkt auf der Mobilitätssteigerung, bei Feldenkrais auf bewusst werden durch Bewegung und bei Qigong auf Stressreduzierung und Aufmerksamkeitssteigerung. Es sei aber ganz egal für welche Methode man sich entscheide – wichtig sei, dass die Übungen es in den Alltag schafften.

Angesichts ständig steigender Gesundheitsausgaben (laut Statistischen Bundesamt rund eine Milliarde am Tag im Jahr 2017) und in Anbetracht der Alterspyramide, gewinnt die Primär-Prävention immer mehr an Bedeutung. Aber nicht nur als Prophylaxe, zur Vermeidung von Krankheiten, seien Yoga, Tai-Chi, Qigong, Feldenkrais und Tanzen anempfohlen, auch während einer Behandlung, also sekundär-präventiv, sowie zur Erlangung früherer Fähigkeiten, sprich in der Reha, tertiär-präventiv, leisten sie gute Dienste.

„Der Mensch ist ein Bewegungstier“, konstatiert der Internist Dr. Michael Schwab. Schlagzeilen wie „Sitzen ist das neue Rauchen“ belegen, dass fehlende Bewegung der Hochleistungs-Gesellschaft, deren „Schneller, Höher, Weiter“, sich meist im Sitzen abspielt, schädlich für die Gesundheit sind. Die Reizüberflutung von außen verhindere ein bewusstes In-sich-Hineinspüren, sprich Körper-Wahrnehmung. Yoga, Tai-Chi, Qigong, Tanzen oder auch Feldenkrais würden die Körper-Aufmerksamkeit wieder fokussieren.

Dr. Schwab geht sogar soweit zu sagen: „Eine Lebensaufmerksamkeit wird wieder hergestellt!“ Bewegung sei eine Ernährungstherapie für Sehnen und Muskulatur. Was die moderne Faszien-Therapie gerade hypt, ist seit Jahrhunderten Bestandteil von Yoga: „Die Halteenergie der Faszien und die damit verbundene Körper-Brücke wird durch regelmäßiges Yoga wunderbar manifestiert“.

Aber nicht nur das. Zahlreiche Studien belegen*, dass Tai-Chi ­beispielsweise bei Depressionen, Herzinsuffizienz, begleitend zur Chemotherapie, bei Gleichgewichtsstörungen oder Arthritis hilfreich sein kann. Der chinesische Meditations-, Konzentrations- und Bewegungsform Qigong werde attestiert, dass sie sich positiv bei Stress, rheumatoider Arthritis, Morbus Bechterew, Schlaflosigkeit, Bluthochdruck oder chronischen Entzündungserscheinungen auswirken würde.

Rund 3.000 Veröffentlichungen über die Wirkungen von Yoga auf die Gesundheit gibt es bereits. Die meisten davon beziehen sich auf Hatha Yoga mit Meditation, Atemübungen (Pranayama) und Körperübungen (Asana). Damit ist Yoga einer der bestuntersuchtesten Methoden und wird von den allermeisten Krankenkassen bei Anfrage eines Kurses zur Kostenübernahme abgenickt. Grob zusammengefasst sei Yoga eigentlich für fast alles gut, von Rücken über Kopfschmerzen über Bluthochdruck und Arthritis bis hin zu Entzündungen und Krebs, sagt Dr. Schwab.

Der Körper sei ein Selbstheilungs-Wundertier. Man müsse ihm nur ein bisschen helfen, sprich Impulse geben, den Rest mache er meist selbst: „Der Arzt muss nur dann eingreifen, wenn er es mal alleine nicht schafft, ansonsten sollte er sich weitgehend überflüssig machen. “.

Bisweilen hat es den Anschein, dass die medizin-ethische Maxime „primum nihil nocere“, „in erster Linie nicht schaden“, angesichts der fortschreitenden Ökonomisierung im Gesundheitssystem vielfach der Devise gewichen ist: „Ein geheilter Patient ist ein verlorener Kunde!“ Um Krankheit zu vermeiden, und gar nicht erst zum Patienten zu werden, sind Yoga, Tai-Chi, Qigong, Feldenkrais und Tanzen also probate Mittel der Wahl.

Quellen: www.wiki.yoga-vidya.de/Wissenschaftliche_Studien, Deutsche Qi Gong Gesellschaft e.V., Wissenschaftliche und klinische Studien zur Wirksamkeit des Tai Chi und Qigong unter www.redesign.kmcoaching.de/wp-content/uploads/2017/09/Studien-Wirksamkeit-Tai-Chi-und-Qigong.pdf.

Das Interview mit dem Chefarzt des Würzburger Geriatriezentrums führte ­Lebenslinie-Chefredakteurin Susanna Khoury.

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